Aufgebrochene Identitäten
  Kuratorin: Isolde Charim

 

 

 

Wir leben in einer pluralistisierten Gesellschaft. Das ist ein relativ neues Faktum. Und es ist ein unhintergehbares Faktum: Wir können nicht mehr zurück. Es gibt keinen Rückweg in eine nicht-pluralistische, in eine homogene Gesellschaft. Das ist eine einfache Feststellung. Nicht ganz so einfach ist die Klärung der Frage, was das genau bedeutet. Was ist eine pluralisierte Gesellschaft? Und welche Auswirkungen hat das? Anders gefragt: Was heißt es, in einer pluralisierten Gesellschaft zu leben?
Im gängigen Verständnis lautet die Antwort: Es gibt ein Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen. Das aber würde bedeuten, die Pluralisierung bestehe in einer Akkumulation von kulturellen, religiösen, ethnischen Unterschieden. Eine Addition, wo etwas Neues zu einem Bestehenden hinzukommt. Zu den Österreichern kommen dann Jugoslawen, Türken oder neuerdings Moslems und Flüchtlinge hinzu.
Diese Vorstellung von Pluralisierung beruht aber auf einem grundlegenden Missverständnis: auf dem Missverständnis, dass die Vielfalt eine Gesellschaft unverändert lässt. Das ist die Vorstellung: durch Integration, durch einen gewissen Grad an Anpassung könne die Gesellschaft so bleiben wie sie bisher war. Pluralisierung aber ist kein äußerlicher Vorgang. Es ist eben kein Nebeneinander, das die Teile unberührt ließe. Pluralisierung meint vielmehr jenen Vorgang, in dem die Diversifizierung, in dem die Verschiedenheit eine grundlegende Veränderung bewirkt.
Es ist dies eine Veränderung aller Beteiligten – Einheimische und Migranten. Es ist dies aber auch eine Veränderung der politischen Formen, eine Veränderung der gesellschaftlichen Abmachungen, Konsense und Konfliktlinien.
Das Bruno Kreisky Forum möchte sich dieser Problematik in einer neuen Reihe widmen. Deren thematische Reichweite soll sich von der Frage nach dem Verhältnis von Pluralisierung und grassierendem Populismus bis hin zu der Frage nach möglichen, neuen Demokratiemodellen für ebensolche Gesellschaften, die „kein Weltbild mehr teilen“ (Charles Taylor), erstrecken (Isolde Charim).

Florian Klenk, Isolde Charim

ICH UND DIE ANDEREN. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert

Isolde Charim, Philosophin und politische Publizistin, Florian Klenk, Journalist und Chefredakteur der Wochenzeitschrift FALTER; 9. April 2018

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