- Marksteine eines Jahrhunderts
- Grenzen und Identitäten

Während der 100 Jahre, die dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 folgten, gab und gibt es, angefangen mit dem Vertrag von Versailles 1919 bis zum geplanten Austritts Großbritanniens aus der europäischen Staatengemeinschaft Ende März 2019, eine Vielzahl von politischen Ereignissen, die die Welt – und vor allem Europa – nachhaltig und unumkehrbar geprägt haben und prägen werden. Das markante Jahr 1949 mit der Gründung der DDR, der Ausrufung der Volksrepublik China, der Unterzeichnung des Abkommens der NATO, die Revolution 1959 in Kuba unter Fidel Castro, der Umsturz im Iran 1979, der Fall der Berliner Mauer 1989. Diese Ereignisse bildeten die Basis für spätere Konflikte und Entwicklungen, die teilweise bis heute andauern und auch nach Jahrzehnten noch ungelöst sind. Das Bruno Kreisky Forum wird sich in seinem Jahresprogramm 2019 besonders einiger dieser „Jahrestage“ annehmen und vor allem in seinen außen- und sicherheitspolitischen Reihen der Frage nachgehen, welche Auswirkungen und Spuren diese „Marksteine“ hinterlassen haben und welche Rolle sie in den gegenwärtigen Gesellschaften spielen.
Eng mit den „Marksteinen“ ist der Begriff der „Grenzen“ verbunden: „Während man von Globalisierung und internationaler Gemeinschaft spricht, werden überall in der Welt neue Grenzzäune und Mauern errichtet: um Staaten, besetzte Territorien und exklusive Wohnsiedlungen, zwischen öffentlichem und privatem Raum. Manche dieser Grenzen sind weit hin sichtbar, andere werden durch Sprachtests oder biometrische Verfahren gezogen. Grenzen und kulturelle Codes entscheiden über Leben und Tod, „Identität“ und „Fremdheit“, Zugehörigkeit und Ausschluss. Sie entscheiden über das Recht von Menschen, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, oder überhaupt an irgend einem Ort zu sein.“ (aus: Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen, eine Ausstellung des Jüdischen Museums in Hohenems)

Diese sichtbaren und unsichtbaren Grenzen wiederum knüpfen praktisch nahtlos an die Frage nach der „Identität“, der „Identitäten“ an: in diesem Sinn sollen auch die Jahresthemen des Vorjahres (2018), nämlich die Reihen Philoxenia (kuratiert von Tessa Szyszkowitz) und Zerrissene Jahre (kuratiert von Philipp Blom), auch im kommenden Jahr weitergeführt werden. In der Vortrags- und Gesprächsreihe Philoxenia befassen sich die von der Kuratorin Tessa Szyszkowitz geladenen Gäste mit Strategien und Alternativen gegen Angst und Xenophobie, um auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Antworten zu finden. Auch Philipp Bloms Reihe Zerrissene Jahre beschäftigt sich mit „den neuen, aufregenden und verwirrenden Identitäten als Teil einer urbanen Massengesellschaft (…), scheinbar unbehindert vom Ballast alter Werte“
Der zweite Unterpunkt des Jahresthemas 2019 – Grenzen und Identitäten - beinhaltet die Weiterführung der Reihe Aufgebrochene Identitäten, die von Isolde Charim kuratiert und wissenschaftlich betreut wird. Isolde Charim, die 2018 den Hildesheimer Preis für das philosophische Buch bekommen hat (für: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert) betrachtet in ihrer Reihe die gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Veränderungen aus der Sicht der Philosophin:
„Wir leben in einer pluralistisierten Gesellschaft. Das ist ein relativ neues Faktum. Und es ist ein unhintergehbares Faktum: Wir können nicht mehr zurück. Es gibt keinen Rückweg in eine nicht-pluralistische, in eine homogene Gesellschaft. Das ist eine einfache Feststellung. Nicht ganz so einfach ist die Klärung der Frage, was das genau bedeutet. Was ist eine pluralisierte Gesellschaft? Und welche Auswirkungen hat das? Anders gefragt: Was heißt es, in einer pluralisierten Gesellschaft zu leben?
Im gängigen Verständnis lautet die Antwort: Es gibt ein Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen. Das aber würde bedeuten, die Pluralisierung bestehe in einer Akkumulation von kulturellen, religiösen, ethnischen Unterschieden. Eine Addition, wo etwas Neues zu einem Bestehenden hinzukommt. Zu den Österreichern kommen dann Jugoslawen, Türken oder neuerdings Moslems und Flüchtlinge hinzu.
Diese Vorstellung von Pluralisierung beruht aber auf einem grundlegenden Missverständnis: auf dem Missverständnis, dass die Vielfalt eine Gesellschaft unverändert lässt. Das ist die Vorstellung: durch Integration, durch einen gewissen Grad an Anpassung könne die Gesellschaft so bleiben wie sie bisher war. Pluralisierung aber ist kein äußerlicher Vorgang. Es ist eben kein Nebeneinander, das die Teile unberührt ließe. Pluralisierung meint vielmehr jenen Vorgang, in dem die Diversifizierung, in dem die Verschiedenheit eine grundlegende Veränderung bewirkt. Es ist dies eine Veränderung aller Beteiligten – Einheimische und Migranten. Es ist dies aber auch eine Veränderung der politischen Formen, eine Veränderung der gesellschaftlichen Abmachungen, Konsense und Konfliktlinien.

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kuratiert von Tessa Szyszkowitz

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