Antrittsvorlesung des Vranitzky Chair

Rede von Botschafterin und BKF Vorstandsmitglied Dr. Eva Nowotny am 24.11.2014 an der Univ. Wien
Magnifizenz, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrter Professor Gries, meine sehr geehrten Damen und Herren,
Ich freue mich, dass ich auch Gelegenheit habe, bei diesem feierlichen Anlaß ein paar Gedanken mit Ihnen zu teilen und bedanke mich sehr herzlich für die Einladung. Ich fühle mich dem Vranitzky Chair auf mehrfache Weise besonders verbunden – einerseits als Vorsitzende des Universitätsrats der Universität Wien, an der dieser Chair verankert ist, und als Vorstandsmitglied des Bruno Kreisky Forums für Internationalen Dialog, welches den Chair aktiv unterstützt. Andererseits und vor allem aber, weil ich das Glück und das Privileg hatte, von 1986 bis 1992 im Büro von Bundeskanzler Vranitzky mitarbeiten zu dürfen. In der Erinnerung an diese Jahre schließt sich für mich auch der Kreis zu der heutigen Veranstaltung und zum Thema der Vorlesung von Professor Gries. Drei außenpolitische Entwicklungen von besonderer Bedeutung hatten diese Jahre geprägt: zum einen der Weg Österreichs, gemeinsam mit Schweden und Finnland in die Europäische Union, zweitens der Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftssystems in Zentral- und Osteuropa, der Fall des Eisernen Vorhangs, die Auflösung des Warschauer Pakts und schließlich der Zerfall der Sowjetunion und ihre Transformation in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, und drittens, besonders relevant für das Thema des heutigen Abends, der Beginn des blutigen Zerfalls Jugoslawiens.
Politische Gegner haben oft und gerne polemisiert, wir hätten damals die Realität nicht erkannt, bzw die Situation falsch eingeschätzt, und krampfhaft versucht, Jugoslawien als gemeinsamen Staat aufrecht zu erhalten – ein Vorwurf, der nicht berechtigt ist, der aber trotzdem immer wieder und gerne auch heute noch in den Medien kolportiert wird. Es war einerseits ein Ergebnis der geographischen Nähe, weit mehr aber noch ein Ergebnis der zahlreichen und intensiven Kontakte, die Österreich auf allen politischen Ebenen, von der Bundesregierung bis zu lokalen Bürgermeistern hatte, dass uns früher als vielen anderen bewusst war, was sich in unserem Nachbarstaat unheilvoll zusammen gebraut hatte. Ebenso war uns bewusst, dass angesichts der politischen Spannungen, aber auch des historischen Ballasts, den alle Balkanstaaten mit sich tragen, eine Explosion der Gewalt und eine blutige Auseinandersetzung zu befürchten war. Es war gerade Bundeskanzler Vranitzky, der seit den späten 80er Jahre jede Gelegenheit bei seinen internationalen Kontakten dazu benützte, auf diese drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Wie wir wissen, war im Vorfeld des Krieges das europäische, aber auch das internationale Interesse an dieser Krise sehr gering.
Winston Churchill hat angeblich (und ich betone angeblich, weil es gerade von Winston Churchill sehr viele kolportierte Zitate gibt) einmal in einer Parlamentsrede gesagt: „The problem with the Balkans is that they have always produced more history than they can consume.“ Nun ist das etwas, das man über viele Staaten sagen kann, Österreich durchaus miteingeschlossen. Aber jedem, der sich mit der Geschichte dieser Region und gerade auch mit dem gewaltvollen Zerfall des alten Jugoslawiens beschäftigt, ist klar, dass die Geschichte hier eine ganz besonders belastende Rolle gespielt hat. Es sind hier Mythen im Spiel, die weit in die Vergangenheit zurück reichen, Berufungen auf vergangene Größe, Rache für nie vergessene Niederlagen und so weiter, die von einer Generation an die nächste tradiert werden und so immer weiter leben.
Es ist zu wünschen, dass es gelingt, durch das Angebot und in der Folge die Realsierung einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union diesen Ballast abzubauen und vor allem der jugendlichen Bevölkerung dieser Staaten andere Orientierungen, andere Perspektiven und andere Denkmuster anzubieten. Die Tatsache, dass die Europäische Union allen Staaten des sogenannten Westlichen Balkans die Beitrittsperspektive eröffnet hat, bestätigt, dass man sich dieser Verantwortung bewußt ist und auch die Bedeutung der EU Mitgliedschaft für Sicherheit, Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung der gesamten Region erkennt. Ebenso wäre es mehr als wünschenswert, wenn sich aus diesem Vranitzky Chair als Forschungsprojekt andere Formen der kollektiven historischen Erinnerung für die gesamte Region entwickeln ließen. Wir wissen sehr gut, wie schwierig das ist, und ich erinnere nur an die jahrzehntelange Arbeit der sogenannten Wandruszka Kommission für das gemeinsame österreichisch-italienische Geschichtsbuch. Ich wünsche dazu Herrn Professor Gries den besten Erfolg.
* Franz Vranitzky Chair for European Studies, transdisziplinäre Professur am Institut für Zeitgeschichte und am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien in Zusammenarbeit mit der Sigmund Freud Privat Universität Wien