DIE BEZIFFERTE WELT. WIE DIE LOGIK DER FINANZMÄRKTE DAS WISSEN BEDROHT

Colin Crouch
Im Herbst 2014 wurde bekannt, dass der englische National Health Service in Zukunft jedem Arzt 55 Pfund bezahlen wollte, der bei einem Patienten Demenz diagnostiziert. Die Empörung war groß: Steigt so nicht das Risiko von Fehldiagnosen? Wissen Ärzte nicht auch ohne solche Anreize, was zu tun ist? Das Beispiel zeigt, dass die Logik des Neoliberalismus trotz der großen Krise weiterhin auf dem Vormarsch ist. Der damit verbundene Wandel betrifft alle Lebensbereiche: Schulen, Krankenhäuser und Polizei werden im Rahmen des großen Zahlenspiels umstrukturiert und dem Diktat der Kennziffern unterworfen; aus Studenten und Fahrgästen sollen Kunden werden, die agieren wie Rechenmaschinen. Auf dem Weg in die »Informationsgesellschaft« bleibt eine zentrale Ressource auf der Strecke: das Wissen selbst.
Colin Crouch zeichnet nach, wie der Neoliberalismus alternative Formen des Wissens und der Expertise korrumpiert. Anders als seine Apologeten behaupten, ist der Markt keine perfekte Wissensmaschine, die aus anonymen Entscheidungen Transparenz herbeizaubert, im Gegenteil: Lässt man die Logik der Finanzmärkte ungehindert operieren, kann sie das Immunsystem unserer Gesellschaften zerstören.
Colin Crouch ist britischer Politikwissenschaftler und Soziologe und lehrt als Professor für Governance and Public Management an der University of Warwick. Mit seiner zeitdiagnostischen Arbeit zur Postdemokratie und dem gleichnamigen, 2004 veröffentlichten Buch wurde er international bekannt.
Moderation:
Robert Misik, Journalist und Autor
Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der Buch Wien 2015 statt. Das Buch von Colin Crouch "Bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht" erscheint im September 2015 im Verlag Suhrkamp.